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Port-au-Prince (Haiti). Sr. Vilma Tallone, Generalökonomin der Don-Bosco-Schwestern, teilt ihre Erfahrungen in Haiti mit: «Seit 4. Februar halte ich mich in Haiti auf. Mit der haitianischen Provinzoberin, Sr. Marie Claire, konnte ich mehrmals durch Port-au-Prince, in verschiedene Stadtteile gehen und mir so ein gutes Bild machen. Überall liegen noch Trümmerhaufen, die einem den Weg versperren. Vorsichtig würde ich schätzen, dass etwa ein Fünftel der Stadt völlig zerstört ist, drei Fünftel ist so beschädigt, dass man die Restbestände abreißen sollte, nur ein Fünftel der Gebäude hat geringe Schäden erlitten und wäre also noch bewohnbar. Am Stadtrand von Port-au-Prince, wo sich unsere beiden Gemeinschaften von Thorland befinden (darunter auch das Noviziat), gab es 48 Schulen: funktionsfähig geblieben sind nur noch vier davon - darunter auch unsere Schule. Als ich durch die Straßen ging, begegnete ich sehr vielen Menschen, die müde und nervös sind. Sie bewegen sich wie im Fluss, auf der Suche nach Lebensmitteln, versuchen, die Stätten ausfindig zu machen, wo Lebensmittel verteilt werden und halten ständig die Augen offen, um Lastwagen zu erspähen, die Nahrungsmittel transportieren. Ein echter Überlebenskampf für die Menschen, denn die Hilfstransporte sind einfach dem Bedarf gegenüber zu wenig und die Verteilung ist zu wenig organisiert.
Zeltstädte sind an den wenigen verfügbaren Orten ganz spontan entstanden, auf Plätzen, in Gärten und Höfen. Sie vermitteln den Eindruck von Flüchtlingslagern nach einer Massenflucht. Eigentlich schläft niemand in Häusern; nach 19 Uhr wird es unmöglich durch die Straßen zu gehen, denn die Leute schlagen einfache Zelte auf der Straße auf, mit Betttüchern, Decken und was sie gerade so haben.
Mir zieht sich das Herz zusammen, wenn ich so durch die Straßen gehe. Meistens bin ich still. An jeder Ecke kann man von diesem Drama noch etwas erspüren. Wir gehen eine Seitenstraße hinauf, die erst seit ein paar Tagen wieder begehbar ist. Alle Häuser sind eingestürzt. Sr. Marie Claire oder der Autofahrer sagten, dass hier noch Menschen begraben sind unter den Trümmern, dass da eine Ordensgemeinschaft war oder dass da eine Kirche stand... Ganz egal ob Häuser der Reichen, Paläste oder Hütten der Armen - alles ist jetzt in Schutt und Asche. Es gibt keine Unterschiede mehr. Wer mehr hatte, der hat auch mehr verloren... Die Trümmerhaufen der Reichen sind zum "Abenteuerspielplatz" der Armen geworden. Sie suchen nach Schrott und Eisenteilen, nach Stoffen, nach Matratzen und nach versteckten Schmuckstücken. Mit bloßen Händen graben sie...
Einige haitianische Lastwagen und einige große Raupenfahrzeuge aus dem Ausland haben mit den Aufräumarbeiten begonnen. Passanten werden auf Distanz gehalten, weil sie Verwandte unter den Trümmern vermuten, die sie noch gerne würdig beerdigen möchten. Trauer ist unter diesen Umständen kaum möglich und die Aufarbeitung der Tragödie gestaltet sich als sehr schwierig, sagt Sr. Annecy, weil sich die Herzen derer verhärten, die nicht weinen konnten.
Unsere Häuser und Gemeinschaften - Unsere Häuser, die Räume haben, die gefahrlos betreten werden können, nehmen tausende von Menschen auf: allein etwa 7000 in Thorland. Abends sind es dann noch einmal eintausend mehr, die sich zwischen die Zelte legen und auf dem Rasen schlafen. Wie die Menschen sagen, ist diese Zeltstadt eine der am besten organisierten in der Stadt. Sr. Annecy und die Mitschwestern schaffen es, eine fast nicht enden wollende Reihe von Menschen, in Schach zu halten. Trotz der so großen Anzahl von Menschen hält sich der Gestank in Grenzen. Leider gibt es für den Sanitärbereich viel zu wenige Möglichkeiten. Wie durch ein Wunder stehen unsere beiden Häuser und vielleicht können wir schon bald wieder die Türen der Schule für unsere SchülerInnen öffnen. Vorausgesetzt, dass sich der Staat beteiligt. Denn über die Lehrergehälter hinaus brauchen die Kinder und Heranwachsenden das notwendige Schulmaterial und wenigstens eine Schulspeisung. Im Nachbarhaus der Salesianer Don Boscos sind etwa 5000 Flüchtlinge untergebracht und es gibt zwei Praxen für Kranke. Leider ist bei ihnen alles zerstört und so gestaltet sich die Organisation noch viel schwieriger.
- Das Haus "Maria Ausiliatrice", das erste unserer Häuser in Port-au-Prince, das sein 75-jähriges Bestehen feiert, wurde sehr in Mitleidenschaft genommen. Zerstört sind hier: die große Kapelle, eines der Schulgebäude, eines, das sich im Aufbau befand und auch der Wohnbereich der Schwestern. Hier leben wenigstens 600 Menschen in Zelten; unter ihnen auch der Pfarrer. Der Garten ist jetzt die Pfarrei und das Pfarrbüro. Hier ist auch das Zentrum zur Verteilung von Hilfsgütern in diesem Stadtteil, der so bitterarm ist und wo es schon vorher so schwierig war. Dieser Stadtteil wird nicht von den Organisationen mit Nahrungsmitteln versorgt. Nur Sr. Sylvita und ihren Kontakten zu Politikern ist es zu verdanken, dass viele Menschen ihren Hunger stillen konnten. Dieser Stadtteil wird von nicht gerade sehr vertrauenserweckenden Menschen beherrscht, die hier ihr Hauptquartier haben. Das Zelt der Schwestern befindet sich mitten unter den anderen. Sr. Sylvita sagt: das ist auch ein Zeichen der Solidarität und hilft den Menschen.
- Etwa 600 Familien haben im Innenhof der Gemeinschaft "Cité militaire" eine Unterkunft gefunden. Hier sind die Mauern noch recht stabil. Wahrscheinlich muss aber an einigen Häuserteilen Arbeiten durchgeführt werden, damit sie sicher sind. Die neuen Säle, die sich im Bau befanden, haben dem Erdbeben nicht standgehalten und sind in sich zusammengestürzt. Dieses Haus dient momentan als Hilfszentrum für die Hilfslieferungen, die direkt für die Schwestern sind. Vor allem aus Santo Domingo kommen die Hilfslieferungen an, aber auch aus Porto Rico. Von dort werden die Güter in die anderen Gemeinschaften verteilt und auch in die Gemeinschaften der Salesianer Don Boscos.
- Die Gemeinschaft "Cité soleil", in einem Stadtteil, wo sich der "Abschaum der Gesellschaft" aufhält, hat leider keinen Platz. Nur einige uns bekannte Familien haben Aufnahme gefunden, denn die Schule weist schwere Schäden auf und birgt das Risiko, völlig zusammen zu stürzen. Das Haus ist zudem sehr klein und muss dringend repariert werden, damit es wieder bewohnbar wird.
- Petion Ville ist wahrscheinlich die Gemeinschaft, die es am schwersten erwischt hat. Das Haus, wo der Schwesternbereich war, ist völlig eingestürzt. Die große Schule, in die 2000 SchülerInnen gingen, hat riesige Schäden und muss völlig wieder neu aufgebaut werden. Drei Schwestern waren zum Zeitpunkt des Erdbebens im Haus. Unter ihnen Sr. Mathilde, die verletzt wurde, aber von zwei Jugendlichen der Schule mutig gerettet wurde. Aus dem Zimmer von Sr. Marie Laurence kann man nur noch den Vorhang erkennen vor einem leeren Loch - das Erdbeben hat alles verschluckt, das Bett, den Tisch, den Schrank - alles ist verschwunden, während die Schwester gerade draußen war. Schüler, Lehrer und andere Schwestern waren noch in der Schule. Doch wie durch ein Wunder konnten sie sich alle vor den herabstürzenden Trümmern retten. Die Schwestern und Aspirantinnen konnten absolut gar nichts mehr von ihren persönlichen Dingen finden und leben nun so, wie so viele andere auch - ihnen ist buchstäblich nur noch das geblieben, was sie am Leib trugen!
- Das Provinzhaus hat gut standgehalten. Es sind durchaus Teile des Hauses in Mitleidenschaft gezogen, die repariert werden müssen. Für die Menschen dieses Stadtteils ist es zu einem Stützpunkt geworden. Die Schwestern verteilen Lebensmittel und andere Güter aus Hilfslieferungen - auch an Schwestern anderer Ordensgemeinschaften. Eine dieser Schwestern, die von Trümmern eingeschlossen war und schwer verletzt ist, wurde bei uns aufgenommen und erhält Pflege. Andere Ordensgemeinschaften erhalten bei uns Unterkunft und Verpflegung. Z. Zt. Sind vier erwachsene Volontäre aus Porto Rico und den USA bei uns und geben ihr Bestes. Sie werden von Sr. Maria Ester aus der Antillen-Provinz begleitet. Die Gemeinschaft ist bunt - 45 Waisenkinder, die bei uns geblieben sind, dazu die Aspirantinnen, Lehrer- und Erzieherinnen und die Schwestern. Die Schwestern aus Santo Domingo geben den haitianischen Schwestern Hilfestellung bei der Erarbeitung von Projektanträgen, die so notwendig sind, damit der Wiederaufbau möglichst bald beginnen kann Das Leben geht weiter. Wie die roten Blumen, die zwischen den Trümmern blühen, Blumen, so rot wie Blut... Haiti durchlebt seinen Karfreitag, aber es wartet auf die Auferstehung ».
Haiti, den 07/02/2010
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